Die Filmstarts-Kritik zu American History X (2024)

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American History X

Kritik der FILMSTARTS-Redaktion

4,5

hervorragend

American History X

Von Stefan Ludwig

Nur wenige Filme bringen es auf eine solch beeindruckende Aussage wie das Drama „American History X“. Vor der Veröffentlichung gab es große Meinungsverschiedenheiten zwischen Filmstudio New Line Cinema und Regisseur Tony Kaye. Edward Norton wollte seine Version auf den Markt bringen, doch das veranlasste Kaye dazu, sich öffentlich von dem Film zu distanzieren und für sich ein Pseudonym zu fordern. Das es nicht zur Verwendung des Pseudonyms kam, lag schlicht an seinen negativen Verlautbarungen vor dem Filmstart. Denn das verstößt gegen eine Bedingung für den Pseudonym-Wunsch. Trotz dieser beachtlichen Probleme im Vorfeld ist „American History X“ zwar an einigen Stellen reichlich brutales, aber intelligentes, packendes und vor allem aufweckendes Kino geworden.

Der Neo-Nazi Derek (Edward Norton) versucht in seiner Gegend Gleichgesinnte dafür zu gewinnen, gegen Andersfarbige und Einwanderer vorzugehen. Nachdem er sich einen Schwarzen zum Feind gemacht hat, bricht dieser nachts in seinen Wagen ein. Sein Bruder Danny (Edward Furlong) beobachtet den Einbruch und informiert Derek. Der greift zur Waffe, geht raus und schießt den Einbrecher ohne zu zögern samt Kumpanen nieder. Dabei tötet er zwei, der dritte kann mit dem Wagen entkommen. Schnell ist die Polizei am Tatort und Derek bekommt dreieinhalb Jahre Haft. Im Gefängnis macht er eine starke Entwicklung durch. Er muss erkennen, wie falsch sein Rassenhass ist. Doch derweil entwickelt sich Danny nach dem Vorbild seines Bruders, der in vielen Nazi-Gruppen nahezu vergöttert wird. Es beginnt ein Kampf um die Gesinnung von Danny und gegen Dereks ehemalige Freunde, die ihn zu hassen anfangen, als sie merken, dass er nicht mehr auf ihrer Seite ist.

Zum großen Teil besteht der Film aus Rückblenden, die in schwarz-weiß gehalten sind. Die Gegenwart ist die Entlassung von Derek aus dem Gefängnis, die Lösung von seiner ehemaligen Gruppe und der Versuch, seinen Bruder von dessen Weg in den Rechtsradikalismus abzubringen. In diesem Teil ist Danny die Hauptperson, er erzählt zum Teil selbst die Geschichte. Doch die wahre Hauptperson des Films ist Edward Norton. Er ist der stärkste Charakter, den „American History X“ zu bieten hat. Er spielt brillant und zeigt wieder einmal seine großes Schauspieltalent. Für diese Rolle bekam er seine zweite Oscarnominierung, völlig zu Recht. Norton dominiert den Film, zieht den Zuschauer in seinen Bann. Zwar ist schon zu Beginn zu sehen, zu welchen Verbrechen er fähig ist, doch immer wieder ertappt man sich selbst dabei, ihn sympathisch zu finden - auch wenn er seine Nazi-Reden schwingt. Er verkauft seine Parolen so einleuchtend, dass es schwer fällt, ihm im ersten Moment nicht zu glauben. Zudem ist er bis auf seine Tattoos, wie das riesige Hakenkreuz auf seiner Brust, ein Bild von einem Mann, muskulös mit breiter Brust und Waschbrettbauch präsentiert er sich in etlichen Szenen. Seine Entwicklung vom sympathischen Monster zum sympathischen „Guten“ ist nachvollziehbar und glaubwürdig. Sein Filmbruder Edward Furlong, bekannt aus „Terminator 2“, steht in seinem Schatten und kann wegen seiner Rolle nicht ganz so sehr beeindrucken. Dennoch spielt Furlong solide, viel mehr wäre aus seinen Szenen auch nicht herauszuholen.

Interessant ist die Symbolik, derer sich der Film bedient. Etliche Male gibt es eine Art von Nachdenkpausen für den Zuschauer, so etwa wenn Edward Norton nach der Dusche vor dem Spiegel steht und mit seiner Hand das Hakenkreuz auf seiner Brust verdeckt. Diese Pausen sind teilweise dringend nötig, viele werden eine gewisse Zeit brauchen, um das Gesehene zu verarbeiten. Der Spannungsaufbau ist durch die verschiedenen Zeitebenen nicht völlig stringent, doch das tut dem Interesse am Film keinen Abbruch. Zu gut erzählt und beeindruckend sind die einzelnen Szenen, die den Werdegang von Edward Nortons Charakter deutlich machen. Die Musik von Anne Dudley ist gekonnt eingesetzt und trägt gut zur Atmosphäre bei.

Abschließend soll noch mal erwähnt sein, wie gekonnt der Film den Zuschauer zum Nachdenken anregt. Die Reden von Edward Norton, die zum Teil stark rechtsradikal eingefärbt sind, bleiben nahezu unkommentiert stehen und so kommt dem Zuschauer die Aufgabe zu, selbst das Gesagte zu reflektieren. Aber gerade diese anfängliche Sympathie für den Nazi Derek wird bei vielen haften bleiben und zu mehr Vorsicht und Skepsis gegenüber Fremdenhass führen. Denn durch die Konfrontation mit der eigenen Übereinstimmung mit Dereks geschliffenen Reden werden viele aufschrecken und sich selbst ermahnen können, was immer besser ist, als von anderen das moralisch Richtige schlicht gesagt zu bekommen. „American History X“ ist ein sehenswerter Beitrag über den Rassenhass in Amerika, der zeigt, dass sowohl die schwarze als auch die weiße Bevölkerung an den Rassenproblemen Schuld haben. Viel Aufmerksamkeit sollte der Zuschauer mitbringen, doch wer diese opfert, wird am Ende mit einem Film belohnt, den er so schnell nicht wieder vergessen wird. Eine Warnung noch: Der Film birgt einige Gewaltszenen, die auch in der FSK-16-Fassung sehr drastisch sind.

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